Samstag, 25. November 2017

Sensible Phasen – Definition und erziehungswissenschaftliche Bedeutung



Die sensiblen Phasen nach Montessori: wie ein Kind lernt und was es mit den sensiblen Phasen auf sich hat, das erfährst du in diesem Beitrag.
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In diesem Gastbeitrag von Anja erfährst du wie ein Kind lernt und was es mit den sensiblen Phasen auf sich hat. Anja schreibt auf ihrem Blog umweltgedanken.de über Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Neben der Natur und dem Schreiben interessiert sie sich auch für Montessori Pädagogik. Mehr Beiträge von Anja, zum Beispiel über die gesellschaftliche Bedeutung der Kosmischen Erziehung, findest du auf ihrem Blog.

Während ihrer Arbeit mit Kindern stellte Maria Montessori fest, dass es in der kindlichen Entwicklung sensible Phasen oder Perioden gibt, in denen das Kind eine besondere geistige Aufnahmefähigkeit beziehungsweise die uneingeschränkte, zum Teil willenlose Bereitschaft hat, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben, also in dieser Zeit empfindlich auf äußere Reize reagiert und somit bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen erlernt.


Jedes Kind ist Baumeister seines eigenen Ichs


Montessori sagt, dass das Kind einen „inneren Bauplan“ besitzt, nachdem es sich entwickelt und „Baumeister seines eigenen Ichs und Akteur seines eigenen Lebens“ ist. Das Kind also entscheidet selbst, wann es bestimmte Lernfenster öffnet um den Erwerb bestimmter Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu erwerben.

Während der sensiblen Phasen öffnen sich diese sogenannten Lernfenster und das Kind erprobt Dinge mit all seinen Sinnen. „So entwickelt sich jeder Charakterzug auf Grund eines Impulses und während einer eng begrenzten Zeitspanne. “Jede vorangegangene sensible Phase bildet dabei das Fundament für die darauffolgende Phase. „Aufeinanderfolgende Phasen geistiger Sensibilität ermöglichen ein intensives Lernen, dabei ist das erwachte Interesse der Motor.“

Jede Phase hat eine bestimmte Dauer, in der diese Fähigkeiten in den Geist des Kindes übergehen. Daraus lässt sich erziehungswissenschaftlich schließen, dass in bestimmten Phasen eine erhöhte begeisternde Lernbereitschaft besteht, in der Fähigkeiten und Verhaltensweisen unbewusst und spielerisch erworben werden. „Hat das Kind aber nicht die Möglichkeit gehabt, gemäß den inneren Direktiven seiner Empfängnisperioden zu handeln, so hat es die Gelegenheit versäumt, sich auf natürliche Weise eine bestimmte Fähigkeit anzueignen; und diese Gelegenheit ist für immer vorbei.“ Es ist nicht gänzlich auszuschließen auch nach Abschluss der sensiblen Phasen Fähigkeiten oder Verhaltensweisen zu erwerben, aber in den sensiblen Phasen geschieht dies mit Leichtigkeit und Freude; später bedarf es Mühe und Anstrengung sowie großen Willen.

„Das Erlernen einer neuen Sprache nötigt den Erwachsenen zu harter Arbeit, und dennoch erreicht er niemals die Vollendung, mit der er seine in der Kindheit erworbene Muttersprache beherrscht.“

Selektive Wahrnehmung

 

Während der sensiblen Phasen hat das Kind eine selektive Wahrnehmung. Das bedeutet, dass das Kind die Aspekte in den Blickwinkel rückt, die ihm für wichtig und interessant scheinen. Zu bemerken sei, dass Kinder unterschiedlich sind und somit auch nicht jedes Kind zum gleichen Zeitpunkt in einer bestimmten sensiblen Phase ist, und dass die Phasen auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein können.

Im Alter von 0 bis 3 Jahren, das heißt, in der Zeitphase des „geistigen bzw. psychischen Embryos“ lernt das Kind auf unreflektierte und intuitive Art und Weise Ordnung, Bewegung und Sprache. Verantwortlich für diese intuitive Empfänglichkeit, die nicht dem Willen unterworfen ist, ist der „absorbierende Geist“ – die unbewusst arbeitende Intelligenz ohne Anstrengung. In dieser sensiblen Phase wird häufig das Weinen des Kindes beobachtet und dieses Weinen allzu häufig als Laune des Kindes gewertet. Nach Montessori sind Launen der „Ausdruck einer seelischen Störung, eines unbefriedigten Bedürfnisses, das einen Spannungszustand hervorruft; sie stellen einen Versuch der Seele dar, das ihr Zukommende zu fordern und sich gegen einen ihr unerträglichen Zustand zur Wehr zu setzen.“

In der sensiblen Phase, in der Kinder einen Sinn für Ordnung ausprägen zeigt sich dies häufig sehr deutlich: „Kleine Kinder zeigen eine charakteristische Liebe für Ordnung. Im Alter von anderthalb bis zwei Jahren bringen sie bereits deutlich, wenn auch in verworrener Form, das Bedürfnis nach Ordnung in ihrer Umwelt zum Ausdruck. Das Kind kann nicht in Unordnung leben, sie verursacht ihm Pein, und diese Pein wieder äußert sich in verzweifeltem Weinen, unter Umständen in einem dauernden Aufregungszustand, der den Anschein einer richtigen Krankheit wecken kann.“

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Im Alter von 3 bis 6 Jahren entwickelt das Kind ein eigenes Bewusstsein, Sensibilität für soziales Zusammenleben und für die Perfektionierung bereits gemachter Errungenschaften. Das bedeutet, dass das Kind seine zuvor unbewusst absorbierten Umwelterfahrungen bewusst analysiert, reflektiert und perfektioniert. Das zweite und dritte Lebensalter stellt die Phase der Selbstständigkeit und Autonomie des Kindes dar. „Die Erwachsenen können die innere Arbeit schon dadurch beeinflussen und geradezu unmöglich machen, dass sie die Kinder aus ihren Gedankengängen reißen und sie in verständnisloser Weise zu »verstreuen« suchen.“

In der Phase im Alter von 6 bis 12 Jahren stehen das Bedürfnis nach einem gesellschaftlich organisierten Leben und der systematische Wissenserwerb im Vordergrund. Das Kind erlangt Sensibilität für neue soziale Beziehungen, für die Entwicklung eines moralischen Bewusstseins und für Abstraktionen.

Das Alter von 12 bis 18 Jahren ist geprägt von einem durch Labilität gekennzeichneten Umbau. In dieser Phase prägen sich besonders Sensibilitäten für Gerechtigkeit und Menschenwürde, für soziale und gesellschaftliche Prozesse, für wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Verantwortung aus.

Kinder verstehen mehr als Erwachsene denken 

Abschließend möchte ich folgenden Vergleich von Maria Montessori anführen, der sehr gut darauf hinweist, dass Kinder eine Vielzahl an Fähigkeiten und Wissen aufnehmen und sehr wohl im Kindergartenalter und Schulalter Dinge verstehen und kennen, wo ein Erwachsener meint, dass Kinder das noch nicht verstehen: „Die Lehrkräfte in den Kindergärten und in den ersten Elementarschulklassen, die sich solche Mühe geben, Gegenstände zu erklären, mit denen ein drei- oder vierjähriges Kind bereits durchaus vertraut ist, die mit einem Wort ihre Schutzbefohlenen so behandeln, als hätten diese noch nie das mindeste gesehen und seien gerade erst zur Welt gekommen, müssen auf die Kinder einen ähnlichen Eindruck machen wie ein Mensch, der einen Vollsinnigen für schwerhörig hält. Der schreit auf diesen ein, betont jede Silbe und sagt ihm immer wieder Dinge, die jener bereits weiß. Schließlich wird der Betroffene, statt jeder anderen Antwort, protestieren: »Ich bin doch nicht taub!«“

In der pädagogischen Arbeit mit Kindern sollten Lehrkräfte deshalb sehr genau hinschauen und beobachten und zuhören was das Kind zu sagen vermag. Ich habe schon oft gestaunt mit welcher Genauigkeit Kinder Zusammenhänge verstehen und sich Dinge merken. Man sollte Kindern vertrauen, Wissen aufnehmen zu können, ohne dieses Wissen direkt abzufragen und ständig zu wiederholen. Wiederholungen machen Kinder häufig müde und gleichgültig, da sie es oft schon wissen. Vielmehr ist es wichtig, an das bereits erworbene Wissens mit neuem Wissen so anzuknüpfen, dass Kinder sich möglichst an das bereits Gelernte erinnern. Ferner ist es unabdingbar alle sensiblen Phasen der Entwicklung genau zu kennen, damit in der pädagogischen Arbeit genau diese sensiblen Phasen aufgegriffen werden und somit eine Förderung der Individualität stattfinden kann.

Literatur

Maria Montessori: Kinder sind anders. Klett-Cotta, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München. 14. Auflage, November 1999.

Dorothee Venohr: Montessori-Pädagogik: Bildung von Anfang an. Auer Verlag GmbH. 1. Auflage 2007.


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